- Wie ein komplettes Orchester (in German)

Starorganist Stephen Tharp spielt Goll-Orgel unverwechselbar und “eigenartig"

By Jadwiga Makosz, Hamm

Einen Orgelklang, der ein großes Orchester ersetzen kann, strebte der US-amerikanische Starorganist Stephen Tharp am Sonntag in seinem Konzert in der Liebfrauenkirche an. Bereits im Eröffnungsstück, dem Concerto D-Dur BWV 972 von Johann Sebastian Bach, einer Adaption eines Violinkonzerts von Antonio Vivaldi, entlockte der Virtuose dem Goll-Instrument Klangfarben, die in vielen Momenten einem Streichensemble glichen – und doch unverwechselbar und „eigenartig“ blieben.
Das Prinzip einer orchestralen Differenzierung und auch der Fülle der Klänge erreichte seinen Höhepunkt in der Tondichtung „La Valse“ von Maurice Ravel (1875-1937), einer Komposition für ein großes Orchester, die Stephen Tharp in der exklusiv für ihn gefertigten Orgelbearbeitung von Eugenio Fagiani spielte. Tharp legt sein außergewöhnliches Gespür für kleinste farbliche Nuancen an den Tag, sodass die Orgelfassung der auf kleinste Klangschattierungen ausgerichteten Originalfassung ebenbürtig erklang. Brillanter Glanz traf hierbei auf düstere Klänge, die an die Entstehungszeit der Ravelschen Komposition während des 1. Weltkriegs erinnerten.
Auch die Originalkompositionen für die Orgel bekam das Publikum zu hören. So erlebten die Zuhörer eine harmonische Entwicklung von schwerwiegenden Akkorden bis hin zur geschwungenen Melodie und deren polyphonen Verschränkungen im Musikwerk „Choral, Song und Fuge“ des Engländers Samuel Sebastian Wesley (1810-1876). Danach folgten zwei Sätze aus der fünften Sonate c-Moll op. 80 des französischen Orgelkomponisten Alexandre Guilmant (1837-1911), in denen sich die spätromantische, chromatische Harmonik mit farbenfroher Registrieung verbrüderte.
Einen besonderen musikalischen Genuss bereitete Tharp seinem Publikum mit der Interpretation von „Prélude et fugue g-Moll“ op. 7 Nr. 3 aus der früheren Schaffensperiode von Marcel Dupré (1886-1971). Die chromatische Harmonik gesellte sich dort mit einem durchgehend bewegten Klang, dessen Ursprung möglicherweise im Vorbild des „Sommernachtstraums“von Felix Mendelssohn-Bartholdy zu suchen wäre.
Zwei Kompositionen des Abends wurden in einer modernen Musiksprache jenseits der Dur-Moll-Tonalität gehalten. Eine davon war das „Lied“ von Gaston Litaize (1909-1991), eines von Geburt an blinden Organisten aus Frankreich. Das klangliche Resultat dieser skalengeprägten, modalen Komposition hatte wegen nicht vorhandener harmonischen Spannungen einen ruhigen, nicht aufgeregten Charakter.
Die musikalische Botschaft dieser Musik lag in der beinahe nie zuvor gehörten Farbigkeit, deren Nuancierung zum vorrangigen Gestaltungs-und Ausdrucksprinzip wurden. Stephen Tharps unverwechselbares klangliches Profil wurde von Zuhörern gewüdigt und mit stehend dargebotenem Applaus belohnt.