- Zarte Flöten und wuchtige Klangmassen (in German)

Trierischer Volksfreund, 05.08.2004
von Gerhard W. Kluth

HIMMEROD. Gut besucht sind die meisten Orgelkonzerte in der Abteikirche Himmerod. Beim Konzert des amerikanischen Organisten Stephen Tharp allerdings mussten einige Zuhörer sogar mit einem Stehplatz vorlieb nehmen. Entschädigt wurden sie mit einem Konzert, wie man es nur selten erlebt.
Das Wetter war ein Alptraum für jeden Veranstalter von Orgelkonzerten. Strahlender Sonnenschein und Temperaturen, die eher in ein Freibad oder in einen Biergarten trieben, als in eine Kirche mit ernster Musik. Die Folge waren denn auch freudig erstaunte Augen, als sich die Abteikirche Himmerod immer mehr füllte, bevor der amerikanische Organist Stephen Tharp in die Tasten der viermanualigen Klais-Orgel griff.

Die Klosterkirche ist groß und bietet vielen Besuchern Platz. Dennoch mussten einige Interessierte mit Stehplätzen vorlieb nehmen, um sich am Spiel von Tharp zu erfreuen.

Stephen Tharp ist ein junger Künstler, der an allen bedeutenden Instrumenten auf dem Erdball schon konzertierte. Seine Tätigkeit als Kirchenmusiker an der St. Patricks-Kathedrale in New York hat er inzwischen aufgegeben. Er widmet sich nur noch dem konzertanten Orgelspiel und dem Unterrichten.

Man fragt sich natürlich, was das Besondere an Tharp ist, dass er über 400 Menschen mit seinem Spiel begeistern kann? Schließlich gibt es viele Organisten, die Johann Sebastian Bachs Passacaglia und Fuge in c-moll, BWV 582, oder die fünfte Sonate, ebenfalls in c-moll, Opus 80, von Alexandre Guilmant spielen.

Tharp erkundet die Inhalte der Werke

Dass Tharp ein ausgezeichneter Techniker ist, versteht sich von selbst. Traumwandlerisch sicher geht er mit den Tasten um, mühelos gestaltet er die schwierigsten Anforderungen, die ein Komponist in den Notentext hineingearbeitet hat. Das allein wäre aber nicht ausreichend. Musik besteht aus mehr als nur Technik. Tharp fügt diesem Aspekt noch zwei weitere hinzu: Zum einen ergründet er die musikalischen Inhalte der Werke, zum anderen geht er auf die klanglichen Möglichkeiten des Instruments ein - man möchte fast sagen, er korrespondiert mit der Orgel, auf der er spielen soll.

Immer wieder kann man erleben, dass Organisten versuchen, der Orgel ihre Klangvorstellung aufzuzwingen. Das Ergebnis ist im günstigsten Fall ein Einheitsbrei, charaktervolle Instrumente wehren sich dagegen, sie entlarven ihren Peiniger.

Das kann Tharp nicht passieren. Er geht auf das Instrument ein, an dem er spielt. Er erkennt die Grenzen, in denen er sich zu bewegen hat, sowohl bei der Musik als auch beim Instrument. Den ihm bleibenden Raum allerdings nutzt er voll und ganz aus. Da wird Bachs Passacaglia zu einem springlebendigen Werk, das sich, entgegen vielen anderen Interpretationen wieder seinem Ursprung, einem spanischen Volkstanz, nähert.

Ganz und gar in ihrem Element fühlten sich Orgel und Interpret beim zweiten Satz aus der Symphonie Nr. 8 von Charles Marie Widor. Zauberhafte Flötenstimmen, pastellzarte Streicher füllten den Kirchenraum. Hier, wie auch bei der abschließenden Sonate von Guilmant, die eigentlich eher den Titel Symphonie verdient, konnte man förmlich spüren, wie sehr Tharp die romantische Tonsprache verinnerlicht hat. Er ließ der Musik einen großen Freiraum, sich zu entwickeln, überfrachtete nichts, war quasi nur das Medium, durch das sich Instrument und Komposition entfalten konnten. Die Wirkung war grandios. So gewaltig hat man die Abteiorgel noch selten gehört.

Alle Pfeifen stimmen in Lobpreis ein

Die Klangmassen schichteten sich aufeinander, ergänzten sich, nahmen Raum und Zuhörer gefangen. Selbst der letzte Satz dieser großen Sonate, der häufig als ein wenig langatmig empfunden wurde, erschien hier in einem neuen Licht. Er erinnerte an ein gewaltiges Te Deum, immer wieder moduliert, gerade als wollten wirklich alle Pfeifen in den großen Lobpreis mit einstimmen. Ein großartiges Konzert, wie es auch eingefleischte Orgelfreunde nur selten erleben können.