- Hin zur Hoffnung- Ein Thriller: Organist Stephen Tharp im Dom (in German)

Südwestpresse- Regionale Kultur- 4. Juli 2012

Hin zur Hoffnung
Ein Thriller: Organist Stephen Tharp in Dom

Rottenburg. Opulent bunt begann der New Yorker Organist Stephen Tharp, weltweit als einer besten der Gegenwart geltend, sein Gastspiel im Rottenburger Dom mit seiner eigenen, vortrefflichen Bearbeitung von Händels "Feuerwerksmusik-Ouvertüre".

Thriller-Spannung vermittelte seine exzellente Interpretation des wohl gewichtigsten Werks im Programm. Hohes Tempo, weit ausgespannter Tonraum zwischen Piccoloflöte und Subbass-Dröhnen; ein Silberglöckchen, perkussive Effekte; dumpf-fahle Sounds, Maschinen-Rhythmen: Bestandteile des ersten der "Trois Poèmes pour Grand Orgue" (Drei Gedichte für Orgel) vom 1965 geborenen Duruflé-Schüler Thierry Escaich.

Tharp gab das Werk in Auftrag. weil ihn Escaichs zuvor entstandene Motetten für Chor und Orgel beeindruckt hatten, mit Texten aus dem Zyklus "Le pays perdu" (das verlorene Land) von Alain Suied.

Den zweiten Satz prägen scharfe Akzente, Trauermarsch-Reminiszenzen und der Taumel erzeugende Glissando-Effekt im Bass-Pedal mag die Gedichtzeile meinen, die den Tod als "die Maske ohne Konturen" ("le masque sans contours") bezeichnet. Irrwitzig schnell ("Vivacissimo") die finale Toccata mit dem Titel "Vers l'Espérance" (Hin zur Hoffnung, Erwartung), mit krummen Metren und Pedal-Intervallen gespickt, die vom Organisten schier akrobatische Fußarbeit verlangen. Apropos: Trotz EM-Endspiel kamen rund 120 begeistert applaudierende Hörer/innen.

Leider enthielt der Programmzettel keine Hinweise zu den zeitgenössischen Kompositionen, noch die Texte des tunesisch-jüdisch-französischen Lyrikers, Alain Suied (1951-2008). Auf Tharps CD und die Interpretation von Escaich selbst auf dem Internetportal Youtube sei hingewiesen.

Ebenfalls von Tharp beauftragt der zweite Höhepunkt des Abends: Variationen auf die "Rouen-Hymne" vom 1951 geborenen George C. Baker, eine hinreißende und von Tharp womöglich noch hinreißender gespielte Huldigung an die großen französischen Komponisten/Organisten des 20. Jahrhunderts. Seine unvergleichliche Meisterschaft zeigte Tharp schließlich mit Ravels zweiter "Daphnis und Chloë"-Suite (Bearbeitung David Briggs). Unmöglich eigentlich, aber, wie sagt Nestroy: "Die Wirklichkeit ist das schönste Zeugnis für die Möglichkeit".